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„Modellieren als expressive Lebensäußerung
ist
...
ein Versuch, mit der Komplexität des Weltgeschehens
fertig zu werden, quasi eine
'Handhabe' im eigentlichen Wortsinn“ |
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Apfelkompott mit Zitrone –
ein Gespräch mit Wido Buller |
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Geführt und aufgeschrieben von Claudia Kressin - Kleve, im April 2004 |
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C. K.
Wenn ich deine Skulpturen ansehe, dann begegne ich runden, harmonischen und weichen Formen und gleichsam noch im selben Atemzug krassen Spannungsbögen. Du verbindest beides miteinander, und zugleich haben ich das Gefühl, dass dir die Dramaturgie der Brüche Spaß macht.
W. B.
Ich komme mit den weichen Formen allein nicht klar. Das ist wie Apfelkompott, dem die Zitrone fehlt. Wenn meine Skulpturen nicht die Zitrone kriegen in Form eines sich aufbauenden Spannungsfeldes, eines Spannungsgrades, und eine Begrenzung, die die Spannung hält und dann weitergeht in eine andere Richtung - dann wäre ich unglücklich. Dann wäre ich's nicht. Das wäre Larifari. Weißt du, es ist wie bei den Gebirgsbächen im Tessin. Wenn du die ansieht, wie sie in Mäandern ins Tal hinunter donnern, schon seit Millionen von Jahren, und irgendwelche Steine haben da irgendwo gelegen, dann kannst du beobachten, wie das Wasser aus diesen Steinen Formen ausgewaschen hat. Diese Räume, die das Wasser in die Steine geschnitten hat, sind immer runde Räume. Aber die Kante oben, die ist immer scharf. Wo eine Rundung beginnt, ist immer eine scharfe Kante.
C. K.
Die Themen deiner Arbeiten sind sehr unterschiedlich. Konkrete Sujets wechseln sich mit abstrakten ab. Welches sind deine Lieblingsthemen?
W. B.
Konkrete Themen wie zum Beispiel die liegende Frau sind Übungen für mich. Die geschehen außerhalb der Reihe. Sie enthalten meine Formensprache, aber sie sind nicht mein Werk an sich. Das sind eher die freien Formen. Die bekommen zwar auch einen Titel wie zum Beispiel „Evas Salto“. Da könnte man sagen, das ist eine Frau, die die Beine in die Luft streckt. In Wahrheit ist es eine totale Abstraktion. Selbst wenn das Thema einen figürlichen Touch vermitteln möchte, ist die Figürlichkeit eigentlich gar nicht mehr zu entdecken. Schau zum Beispiel die Skulptur „Kraft“. Da meinen viele: Aha, das ist eine Faust. Aber das hat damit gar nichts zu tun, das ist nur zufälligerweise eine solche Form geworden, die manche an eine Faust erinnert. Wenn ich da überhaupt an etwas Konkretes gedacht habe, dann an Olivenbäume mit ihrem kraftvollen Wuchs und ihrer Knorrigkeit.
C. K.
Gibt es Künstlerkollegen in der zeitgenössischen Szene, die du als Seelenverwandte erlebst?
W. B.
Kaum. Ich drehe mich enorm um meinen eigenen Bauchnabel und bewege mich nicht mit einer gewissen Reflektion in der Szene. Zu meinem aktuellen näheren Umfeld gehören so gut wie keine Künstler. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich diesen Kontakt brauche, um das zu machen, was ich machen möchte. Ich habe diesen Kontakt auch nie wirklich gesucht. Nur in meiner Kölner Zeit hatte ich Kontakt zu Künstlern, aber das waren vorwiegend Komponisten.
C. K.
Sich um den eigenen Nabel drehen ist auch etwas Rundes. Die Spannungsbögen in deinen Arbeiten kommen mir vor wie Versprechen, die in den Figuren selbst aber nicht eingelöst werden, sondern nach außen hin verweisen. Wohin?
W. B.
Ich bin sicherlich ein sehr introvertierter Typ. Es kann mir passieren, dass wir uns im Gespräch befinden, du sagst etwas, das bei mir etwas auslöst, und dann bin ich auf einmal völlig woanders, obwohl ich dir weiter zunicke und scheinbar zuhöre. Dabei folge ich dir nicht weiter, sondern bin auf einer eigenen Drift. Meine Inspiration beziehe ich häufig aus solchen Augenblicken.
C. K.
Auf einer eigenen Drift warst du ja eigentlich Zeit deines Lebens. Schweden, Italien und die Schweiz waren frühe Stationen. In Griechenland hast du in den 70er Jahren eine alternative Lebensgemeinschaft gegründet und damit so etwas wie eine Menschenplastik im Sinne von Joseph Beuys geschaffen. Heute wohnst du hier in Kleve mit deiner Familie, dann wieder bist du in deinem Haus auf der griechischen Insel Zakynthos. Jetzt hast du eine Ausstellungsrundreise in Polen vor, im Herbst wirst du in Albanien ausstellen. Was sind das für Welten, zwischen denen du pendelst?
W. B.
Ich brauche in sehr starkem Maß die Distanz zur Alltagsrealität. Wenn ich mich inmitten von Alltagsproblemen befinde, die nichts mit meiner Kunst zu tun haben, dann komme ich nicht zum Arbeiten.
C. K.
Das hieße, dein Alltag ist nicht die Kunst?
W. B.
Nein, im Alltag entsteht keine Skulptur. Die Masse alltäglicher Dinge hält mich so stark fest, dass ich dann fliehen muss, Distanz gewinnen muss, um zu dem zu kommen, was ich eigentlich machen möchte. Es geht nicht beides: Kunst und Alltag. Ich passe ganz gut in das Klischeebild eines Künstlers, der seinen Elfenbeinturm braucht. In den letzten vier, fünf Jahren ist kein einziges Kunstwerk in Kleve entstanden, sondern ausnahmslos in Griechenland oder neuerdings in Polen.
C. K.
Was kennzeichnet denn den Bezugsrahmen, der dich zur Arbeit inspiriert?
W. B.
Zurückgezogenheit. Dann denke ich, dass klimatische Bedingungen auch von großer Wichtigkeit sind. Achtzig Prozent der Skulpturen, die ich in Griechenland gemacht habe, sind draußen entstanden. Unter freiem Himmel. Das gibt mir ein Klima eines nicht konstruierten Raumes, eines gewachsenen Raumes. Der Raum ist einfach so da. Ich mag das Wort Natur in diesem Zusammenhang nicht, es ist mehr der Moment, wenn ich aus dem Kunstraum herausgehe, aus dem gebauten Raum, der mich inspiriert.
C. K.
Viele deiner Arbeiten strahlen trotz ihrer schweren, manchmal harten Materialität und zuweilen Monumentalität eine sehr schwungvolle Bewegung aus. Was bewegt dich?
W. B.
Ich glaube, ich modelliere mir die Gegenwart des Weibes heran. meine Skulpturen haben immer wieder etwas Feminines, weiche Formen. Ich denke, dass je länger ich von dem weiblichen Gegenpol zeitlich entfernt bin, abgenabelt bin, je mehr entstehen weibliche Formen. Und auch weibliche Themen. Das hat mit meinem Bedürfnis nach Weichheit, nach Nähe zu tun. Meine Skulpturen haben ganz selten nur männliche Strukturen. Es gibt nur einige wenige männliche Torsi, die entstanden sind, aber das ist nicht mein Werk.
Wenn mein Handeln, mein Formen identisch ist mit meiner Persönlichkeit, mit meinem Charakter, dann ist die Bewegung selbst ein starkes Element, weil ich auch ein sehr unruhiger Geist bin und sehr stark bewegt bin. Ich bin überhaupt nicht statisch, ich bin immer in Bewegung. Mich bewegen auch so viele Dinge, und das schlägt sich in der Skulptur, die ich gerade schaffe, nieder. Eigentlich sind sie mir noch viel zu statisch, meine Skulpturen. Die müssten eigentlich noch viel kinetischer sein. Ich fände es eigentlich ganz interessant, wenn Skulpturen sich bewegen würden, was sie ja nicht wirklich tun. Aber auf ihre statische Weise reflektieren sie eine Bewegung, und ich lebe in diesem scheinbaren Paradoxon.
C. K.
Welche Rolle spielt für dich die Größe deiner Skulpturen?
W. B.
Ich denke, meine kleinen Skulpturen sind alle so etwas wie verhinderte große Skulpturen. Wenn man sich die kleinen Skulpturen so ansieht, dann hat man das Gefühl einer Wuchtigkeit, die eigentlich in einer anderen Dimension dargestellt werden will. Ich sehe meine Skulpturen immer groß. Ich mache sie nur deshalb so klein, weil ich es hasse, mich diesen Riesenmengen an Material zu umgeben und die Materie zu bewegen. Lieber bewege ich mich selber als die Materie. Wenn ich mir vorstelle, ich würde eine große Skulptur, diese Masse, alleine bewegen müssen, dann würde sie wahrscheinlich nicht entstehen, weil mich das viel zu sehr an einen Ort binden würde. Es ist so, als würde mich mit der Dinglichkeit der Größe auch immer wieder eine Realität überraschen, die mich dann daran hindert, am nächsten Tag wieder an die Arbeit zu gehen.
C. K.
Du hast viele Jahre mit Kunststoffen gearbeitet. Dann wurde die Bronze dein Material. Seit einiger Zeit arbeitest du auch mit Olivenholz. Ist Holz der Stoff, aus dem in Zukunft deine Skulpturen entstehen?
W. B.
Nein, auf keinen Fall. Holz ist überhaupt nicht mein Material. Ich baue gern auf, das Wegnehmen ist für mich was Zerstörendes. Bevor ich in die feinen Strukturen komme, muss ich ja mit Holz sehr grob arbeiten. Zum Beispiel mit einer Kettensäge. Das ist etwas, was mich von der Arbeit mit Holz abhält. Nach 20 Jahren, in denen ich von Olivenbäumen umgeben bin, habe ich jetzt zwar doch mit Olivenholz gearbeitet, aber das ist eigentlich nur eine Eskapade. Ich liebe die Homogenität einer neutralen Masse, deshalb modelliere ich in Ton oder in Gips. Ich will mich nicht auf störende Gegebenheiten von Material einlassen, wie ein Astloch, das plötzlich an irgendeiner Stelle auftaucht wo es mir überhaupt nicht passt. Oder ein Ameisennest. Das sind Fremdeinflüsse, das bin dann nicht ich. |
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